Meine persönlichen Fans – Instagram, Snapchat oder Musical.ly

Viele Applikationen haben größtenteils ganz junge Nutzer – Facebook sei nur etwas für »Alte«, ist vielfach zu hören. Oft sind sie jünger als in den Nutzungsbedingungen vorgeschrieben. Wer heute seinen 13. Geburtstag feiert und offiziell einen Instagram-Account erstellen darf, teilt sein Leben nicht selten bereits mit mehreren hundert »Freunden« oder Neugierigen.

Im folgenden wird nur auf die App mit dem Namen Musical.ly eingegangen. Einen ausführlichen Bericht über Instagram und Snapchat finden Sie im Buch „Generation Smartphone“.

Musical.ly

Seit 2015 ist bei vielen Teenagern die gleichnamige Musik-App eine Freizeitbeschäftigung der ganz neuen Art. Es wird getanzt, mit Lippensynchronisation »gesungen«, man übt sich in Mimik und Kussmund und träumt davon, ein Star zu sein. Die Bühne ist das Kinderzimmer zu Hause und das Publikum sind manchmal mehrere Millionen Kinder, Jugendliche und andere fremde Menschen rund um den Globus. Zu Mitschnitten von berühmten Songs ermöglicht diese App eigene Filmaufnahmen, die mit Musik unterlegt sind. So entstehen persönliche Kurzvideos – circa 15 Sekunden lang. Die Protagonisten bewegen synchron die Lippen und gestikulieren mit den Händen oder tanzen. Für die Aufnahmen können Zeitlupe- oder Zeitraffereffekte sowie verschiedene Farbfilter der App genutzt werden. Viele dieser »Kinderstars« haben bereits mehrere Millionen Fans, werden über Nacht berühmt und »singen« sich mit fremder Stimme durch die Weiten des Netzes. Die App ist laut eigener Webseite in 19 Ländern die meistgenutzte Gratis-Video-App.

Offiziell ist Musical.ly ab 13 Jahren zugelassen. Oder muss der Nutzer sogar volljährig sein ? »Weiterhin bestätigen Sie durch die Nutzung des Dienstes, dass Sie mindestens 18 Jahre alt sind«, steht in den Nutzungsbedingungen, General Terms and Conditions, Punkt e (Stand 24. Mai 2016). Kontrolliert wird das Alter jedoch nicht, und was sollte schon bedenklich daran sein, wenn Kinder ihre eigenen Musikvideos produzieren, Spaß haben, andere Videos »liken« oder kommentieren?

Ähnlich wie bei Facebook treten die Nutzer ihre Nutzungsrechte am gefilmten Material ab. Auch wenn sie über die Privatsphäre-Einstellungen ihre Beiträge auf einen kleinen und selektiven Kreis an Freunden beschränken, hat das Unternehmen Musical.ly laut seiner Nutzungsbestimmungen einen Anspruch auf das Datenmaterial: Videos, Kommentare, Profilbeschreibungen, Standortdaten – all diese Informationen dürfen gesammelt, analysiert und weiterverkauft werden. Deshalb sollten Eltern auch bei dieser App, ähnlich wie bei WhatsApp, Instagram und Snapchat, in Gesprächen immer wieder darauf hinweisen, dass alle Videos (ebenso wie Bilder und Texte) nicht so privat bleiben müssen, wie es die Kinder und Jugendlichen oftmals annehmen. Unklar ist außerdem die Handhabe mit dem Urheberrecht der Songs und Musiktitel, die im Hintergrund der Videoaufnahmen laufen. Ratsam ist es daher, die eigenen Videos nur dem eigenen Freundeskreis zur Verfügung zu stellen und sie nicht im großen Stil der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Wie bei allen anderen digitalen Bild- und Videonetzwerken kann man auch bei Musical.ly beobachten, dass die persönlichen Darbietungen nicht nur auf Bewunderung der Freunde, Kameraden oder der anonymen Öffentlichkeit stoßen. Es wird gelästert, beleidigt und im schlimmsten Fall ist ein verbaler Shitstorm die Folge von Veröffentlichungen. Und vielleicht sind einem die eigenen Beiträge zu einem späteren Zeitpunkt selbst peinlich. Es ist wie auf der echten Bühne: Applaus tut gut, wer viel Applaus bekommt, sucht häufig nach mehr äußerer Zustimmung und wenn er ausbleibt, ist der Darbieter verunsichert. Dabei wäre ungeteilte Aufmerksamkeit durch ein persönliches Gegenüber in meinen Augen der bessere Seelenbalsam.

Im Übrigen habe ich nicht nur bei dieser Applikation, sondern generell bei den sozialen Medien und digitalen Verbreitungsmechanismen von Informationen beobachtet, dass sich Wachstum nicht mit altherkömmlichen mathematischen Kurven darstellen lässt. Im Gegenteil, man könnte es als »sprunghaftes« Wachstum bezeichnen: Wer es über die magische Grenze von 1000 Followern schafft, der ist rasch bei 5000 oder mehr. Wie sonst ist es zu erklären, dass Beiträge innerhalb weniger Wochen zuerst von 100.000 Zuschauern und kurze Zeit später plötzlich von einer Million Menschen betrachtet werden. Zuletzt habe ich dies bei einem 13-jährigen Zwillingspäarchen aus dem Raum Stuttgart beobachtet – fast über Nacht haben sie die Grenzen von Raum und Zeit überwunden und mit ihren selbstkreierten Videobeiträgen Berühmtheitsstatus erlangt: ohne Agenten, TV-Shows oder Werbung.

Es gibt noch weitere Apps zum Teilen von Bildern und Videos, die sich auf vielen Smartphones von Heranwachsenden einer zunehmenden Beliebtheit erfreuen. Im Jahr 2010 erschien Pinterest mit mittlerweile mehr als 100 Millionen Nutzern weltweit. Noch jünger ist die App Vine zum Publizieren von Kurz-Videos. Mittlerweile gehört Vine zu Twitter. Als echte Konkurrenz zu Instagram war Vine 2013 kurzfristig sogar auf dem ersten Platz der kostenlosen Apps (iOS) in den USA. Seit Ende 2013 gibt es Vine auch für die Betriebssysteme von Microsoft und Android.

Für viele zumeist junge Menschen und Kinder liegt der Reiz an all diesen Plattformen darin, dass sie wie eine Seifenoper Einblick in das Privatleben anderer Menschen geben. Umgekehrt nimmt das Bedürfnis zu, über Kommentare und »Likes« die Anerkennung einer großen Anhängerschaft zu bekommen.

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